Morgen ist es wieder so weit: Die Uhren werden umgestellt, der Schlaf wird verkürzt, der Biorhythmus bekommt einen Tritt, und Europa beweist erneut, dass selbst eine simple Entscheidung in den Mühlen der Politik jahrelang feststecken kann. Zweimal im Jahr wird an Zeigern gedreht, als hätte man auf dem Kontinent keine anderen Möglichkeiten gefunden, den Menschen zuverlässig auf die Nerven zu gehen.
Dabei ist die Sache keineswegs neu. Schon vor Jahren sprach sich bei einer EU-Befragung eine überwältigende Mehrheit für das Ende der Zeitumstellung aus. Über 80 Prozent wollten Schluss machen mit diesem halbjährlichen Ritual aus Müdigkeit, Verwirrung und organisatorischem Kleinchaos. Deutlicher kann ein Signal aus der Bevölkerung kaum ausfallen. Doch was folgte, war das, was in Brüssel regelmäßig folgt, wenn etwas eigentlich einfach wäre: Debatten, Abstimmungen, Prüfaufträge, Vertagungen und schließlich das große politische Nirwana namens „noch nicht entschieden“.
Seitdem wird die Zeitumstellung behandelt, als handele es sich um eine geopolitische Frage von historischer Tragweite. Die Mitgliedstaaten müssten sich abstimmen, heißt es. Zuständigkeiten müssten geklärt werden. Folgen müssten geprüft werden. Man gewinnt den Eindruck, die europäische Politik könne eher einen neuen Fördertopf für transkontinentale Büroklammerstrategien auflegen, als sich darauf zu einigen, welche Uhrzeit künftig gelten soll.
Gerade darin liegt die eigentliche Pointe. Die Zeitumstellung ist längst nicht mehr nur lästig, sie ist zum Sinnbild eines politischen Apparats geworden, der unablässig von Bürgernähe, Reformbereitschaft und Handlungsfähigkeit spricht, aber schon bei einem Thema ins Schlingern gerät, das jeder normale Familienhaushalt in drei Minuten am Küchentisch klären würde. Während man in Sonntagsreden von der Zukunft Europas schwärmt, bekommt man es nicht einmal hin, das Drehen an der Uhr zu beenden.
Natürlich wird auch diesmal wieder so getan, als sei all das bloß eine kleine organisatorische Nebensache. Eine Stunde vor, alles halb so wild. Doch genau diese Verharmlosung macht den Vorgang so unerquicklich. Denn wenn selbst dort, wo eine breite Mehrheit, eine klare politische Diskussion und ein offensichtlicher Reformbedarf vorhanden sind, über Jahre nichts passiert, dann wächst zwangsläufig der Eindruck, dass politische Prozesse vor allem sich selbst beschäftigen. Für den Bürger bleibt am Ende nur das Ergebnis: Uhren umstellen, früher aufstehen, müde funktionieren, weitergehen.
So wird auch die diesjährige Sommerzeitumstellung wieder als das verkauft, was sie längst nicht mehr ist: als Routine. In Wahrheit ist sie ein jährlich wiederkehrender Beweis dafür, wie zuverlässig Politik an einfachen Aufgaben scheitern kann. Aus einem kleinen Eingriff in den Alltag wurde eine große Vorführung europäischer Trägheit. Man redet über Fortschritt, aber an der Uhr hängt man fest wie an einem Museumsstück.
Die Bürger wollten das Ende der Zeitumstellung, Brüssel produzierte stattdessen jahrelangen Stillstand. Auch 2026 gilt in Europa: An der Uhr wird gedreht, an der politischen Lähmung nicht.

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