VW entlässt 100.000 Mitarbeiter – weil sich keiner mehr einen VW leisten kann

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VW: Europas größter Autobauer streicht Stellen, erhöht Preise und wundert sich, warum keiner mehr kauft

Die Nachricht kam am Freitag, passend zum Wochenende, damit die Schockwelle sich in der Freizeit entladen kann statt am Arbeitsplatz. Volkswagen plant den Abbau von bis zu 100.000 Stellen weltweit. Von aktuell 657.000 Beschäftigten soll fast jeder Sechste gehen. Die bisher kommunizierten 35.000 Stellen waren offenbar nur das Vorspiel. Sechs von neun Vorständen halten den Konzern laut einer internen Umfrage für „existenzgefährdet“. Die übrigen drei finden die Lage „angespannt“. Das ist VW-Sprache für: Der Laden brennt.

Das Volkswagen, das sich kein Volk mehr leisten kann

Der Name Volkswagen enthält ein Versprechen. Ein Auto für das Volk. Ein bezahlbares Fahrzeug für den Arbeiter, den Angestellten, die Familie. Dieses Versprechen hat Volkswagen schleichend in sein Gegenteil verkehrt.

Ein neuer Golf kostet heute ab 31.960 Euro. Der Polo, einst der Einstieg in die Mobilität für Berufsanfänger und junge Familien, startet bei über 23.000 Euro. Ein Tiguan liegt bei knapp 40.000 Euro. Wer einen ID.4 will, das elektrische Mittelklasse-SUV, zahlt ab 42.000 Euro. Für einen Passat sind 44.000 Euro fällig. Das sind keine Luxusautos. Das sind Fahrzeuge, die sich an den Durchschnittsbürger richten sollen.

Der Durchschnittsbürger verdient in Deutschland rund 45.000 Euro brutto im Jahr. Nach Steuern und Abgaben bleiben etwa 28.000 Euro netto. Ein Golf kostet also mehr als das gesamte Jahresnettoeinkommen eines Durchschnittsverdieners. Der Polo verschlingt zehn Monatsgehälter. Selbst über Leasing wird es nicht günstiger – die Raten fressen monatlich 400 bis 600 Euro, bei ohnehin steigenden Mieten, Energiepreisen und Lebensmittelkosten.

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Die Preisspirale des Absurden

VW hat die Preise in den letzten drei Jahren mehrfach angehoben. 2023 um 4,4 Prozent, dann um weitere 2,6 Prozent, 2025 noch einmal um 1,5 bis 3,2 Prozent, 2026 folgte die nächste Runde. Begründung: Inflation, Energiekosten, Personalkosten, regulatorische Anforderungen. Der Händlerverband warnt vor „zunehmend schrumpfenden Spielräumen“ bei gleichzeitig steigenden Kosten.

Das Ergebnis ist eine klassische Todesspirale. Die Autos werden teurer. Weniger Menschen kaufen. Die Auslastung sinkt. Die Stückkosten steigen. Die Preise werden weiter erhöht. Noch weniger Menschen kaufen. Werke werden geschlossen. Mitarbeiter werden entlassen. Die ehemaligen Mitarbeiter kaufen definitiv keinen neuen VW mehr.

Es hat eine gewisse Ironie, dass ein Unternehmen, das Personalkosten als wesentlichen Preistreiber identifiziert, jetzt 100.000 Menschen entlässt, die als Arbeitslose weder Steuern zahlen noch Autos kaufen werden. VW spart sich die Gehälter und verliert die Kunden. Ein betriebswirtschaftliches Perpetuum mobile des Niedergangs.

Management mit Bonusstufe Maximum

Während die Belegschaft Angst um ihre Existenz hat, erhielt der VW-Vorstand für das Geschäftsjahr 2024 die höchste Bonusstufe. Die Belegschaft ging zunächst leer aus. Das operative Ergebnis bei Porsche – Konzerntochter – brach 2025 um 92,7 Prozent ein. Die Umsatzrendite fiel von 14,1 auf 1,1 Prozent. Aber die Boni flossen.

Der Konzernchef spricht von „tiefgreifender Transformation“. Von „sich schlanker aufstellen“. Von einem „Zukunftsplan für die Neuaufstellung des Unternehmens“. Phrasen aus dem McKinsey-Baukasten, die alle dasselbe bedeuten: Die da unten gehen, die da oben bleiben.

Die eigentliche Frage

VW produziert 14 verschiedene Plattformen, betreibt Werke auf vier Kontinenten und beschäftigt einen Verwaltungsapparat, den ein mittleres Bundesland nicht besser hinbekommen könnte. Gleichzeitig verkauft der Konzern weniger Autos als vor fünf Jahren, verliert Marktanteile in China an BYD und kann in Europa preislich nicht mehr mit Hyundai und Kia mithalten.

Die Frage, die sich der Vorstand offenbar nicht stellt: Wer soll diese Autos eigentlich noch kaufen? Der Facharbeiter aus Wolfsburg, der gerade seinen Arbeitsplatz verliert? Der junge Ingenieur in der Transfergesellschaft mit 67 Prozent seines früheren Nettos? Die Berufsanfängerin, die zwischen 23.000 Euro für einen Polo und der Monatsmiete für ihre 45-Quadratmeter-Wohnung entscheiden muss?

VW hat vergessen, für wen es Autos baut. Das Volksauto gibt es nicht mehr. Es gibt Premiumfahrzeuge mit Volkswagenlogo, die sich Premiumkäufer bei BMW und Mercedes holen, weil die für denselben Preis ein besseres Image mitliefern. Und es gibt chinesische Elektroautos für die Hälfte des Geldes, die technisch auf Augenhöhe sind.

Transformation in den Abgrund

Die „tiefgreifende Transformation“, von der der Vorstand spricht, transformiert vor allem eines: die Bilanzen der Transfergesellschaften. 28.000 Beschäftigte haben bereits Austrittsvereinbarungen unterschrieben. Betroffen sind Werke in Sachsen, Niedersachsen und Westfalen. Die Zulieferer folgen: Bosch, Continental, ZF Friedrichshafen – überall laufen eigene Abbauprogramme.

Was bleibt, ist ein Konzern, der seine Mitarbeiter entlässt, seine Autos verteuert, seine Vorstände belohnt und sich wundert, warum die Kunden ausbleiben. Das ist keine Transformation. Das ist die Selbstliquidierung eines Industriedenkmals in Zeitlupe.

Ferdinand Piëch dreht sich im Grab um. Und der Käfer weint.

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